Der 104-Jährige, der dem Schicksal ins Steuerrad griff

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Die Titanic hat den Eisberg umschifft, und das liegt nur an Billy. Der adleräugige Passagier Billy Sloman ist vier Jahre alt, als der größte Dampfer der Welt im April 1912 nach seiner erfolgreichen Jungfernfahrt in New York einläuft. An Bord hat das Einwandererkind aus Europa den Cinematographen William H. Harbeck kennengelernt, der von Billys scharfem Blick begeistert ist. Der Mann mit den Filmrollen wird ihn nicht mehr aus den Augen lassen und sein weiteres Leben entscheidend prägen – für ein ganzes Jahrhundert.

Doch als Sloman am Ende auf dieses lange Leben zurückblickt, sorgen gewisse Merkwürdigkeiten in seinen Erzählungen für Streit mit einer geheimnisvollen Besucherin. Haben die Weltereignisse vieler Jahrzehnte, deren Zeitzeuge Sloman gewesen sein will, wirklich so stattgefunden? Liegen die Irritationen an der Verwirrtheit des Greisenalters? Oder vielmehr daran, dass alles an einem 29. Februar begann?

Oliver Driesens Roman über die Wege des Schicksals und die Willkür des Zufalls konfrontiert den Leser mit der Frage:

Lebe ich – oder werde ich gelebt?

Demnächst im Buchhandel und online erhältlich!

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Leseprobe

Prolog. April 2012

Auf meine Augen war immer Verlass. Eine Brille habe ich nie gebraucht, das liegt in der Familie. Meine Netzhaut war anders bewaffnet: Durch mein Objektiv haben Millionen die Welt mit meinen Augen gesehen – schärfer als mit den eigenen. Die Dramen des Lebens, ich habe sie fokussiert und ins Bild gesetzt wie Tizian persönlich. Noch heute, auf den Monat genau ein Jahrhundert nach meiner Ankunft in Amerika, sehe ich besser als mancher Dreißigjährige. Und dank der Güte Gottes oder eines anderen Genies stehe ich im 105. Lebensjahr. Sitze ich, um ehrlich zu sein. Oh ja, älter als ein Jahrhundert! Ich bin der älteste Knacker der Stadt, das habe ich schriftlich. Erbärmlich mittelmäßig mag die Stadt sein, aber in der Zeitung hat’s gestanden, irgendwo liegt der Ausschnitt noch, vielleicht da hinten unter dem Bücherstapel. Doch ich rühre den Stapel nicht an. Ich müsste aufstehen aus diesem verdammten Rollstuhl, mit dem ich mich nicht in diese enge Ecke zwängen kann. Er passt nicht zwischen Tischkante und Schrank hindurch. Überall Bücher, Papiere, Fotos. Überall die alten Filmcassetten. Ich will nicht riskieren, einen Stapel umzuschmeißen. Es ist leidlich aufgeräumt – für den Damenbesuch.

Sie erinnert mich an Lidia. Aber viele Frauen erinnern mich an Lidia, an etwas von Lidia. Das ist über die Jahre ein Tick geworden. Na und? Ich darf ticken, wie ich will! Ich bin 104, ich habe Narrenfreiheit! Was soll denn sonst gut sein an meinem Alter? Dieser Rollstuhl vielleicht? Die Tropfen, die in die Hose gehen? Die Windeln? Dieses traurige Zimmer in einem zweitklassigen Altenheim am Rand einer nicht erwähnenswerten Stadt? Die Art, wie sie mich alle behandeln, als kauzige Kirmes-Sensation?

Da war diese Lokalreporterin von der Zeitung: „Herr Sloman, was ist das Geheimnis Ihres unnatürlich langen Lebens?“ Das hat sie wirklich so gesagt: Ihres unnatürlich langen Lebens! Wie alt war das Mädchen? 24? 26 höchstens! Ein Kind! Unverschämt. Aber sogar sie hat mich an Lidia erinnert. An Lidia, die ein halbes Jahrhundert älter geworden ist als 26. Es war die Art, wie sie ihre Frage stellte: den Kopf lauernd schiefgelegt, am Ende die Stimme und den linken Mundwinkel mehr als nötig angehoben, als ob sie mich absichtlich herausfordern wollte mit dieser unverschämten Frage, für die ich ihr dann nicht mal böse sein konnte. Denn es konnte ja auch vorwitzige Ironie sein. So wie Lidias vorwitzige Ironie.

Lidia, Lidia, Lidia. Lidia und die Türme. Geräusche, laute und schreckliche Geräusche, hysterische Stimmen. Sie sprechen noch immer vom 11. September, und die Menschen schauen seither zum Himmel an diesem Tag. Auch schon wieder elf Jahre her. Und ich bin immer noch da.

Hier, nicht da. Weg von alledem, zurück über den großen Teich für den traurigen Rest meines bunt gescheckten Lebens, zurück in dieser Kreisstadt in Deutschland. Drecksnest, unbedeutendes! Hingegen die Echos aus Amerika, die verklingen nie. Die verklingen nie. Geräusche, Stimmen, Nebelhörner. Ach!

Ach …

Der Hafen! Ich war eingenickt. Wenn ich für kurze Zeit in Schlaf falle – immer öfter, immer todesnäher –, dann sehe ich im Traum nicht Lidia, nicht die Türme, sondern den Hafen von New York. Immer als erstes den Hafen. Da war ich erst vier. Aber geboren bin ich, so viel ist sicher, in Hannover. Am 29. Februar 1908, einem Samstag. Dem Schalttag des Schaltjahres.

Ich bin ein Schalttagskind. Mein Standardscherz: Weil wir Schalttagskinder nur alle vier Jahre Geburtstag haben, altern wir auch viermal langsamer als normale Menschen. Also bin ich eigentlich erst 26! Diese Entgegnung hätte mir bei der jungen Reporterin einfallen sollen: „Sie sind doch genau in meinem Alter! Wollen wir mal ins Kino gehen?“ Ob sie das als Ausdruck des Humors eines weisen alten Mannes in ihrer Zeitung zitiert hätte? Nein, sie hätte der Kirmes-Sensation nur einen weiteren schiefen Blick zugeworfen.

Genug! Ich will jetzt wieder den Hafen von New York um mich haben. Eintauchen in eine bessere, eine hoffnungsvolle Zeit.

Das Problem ist: Anders als meine Augen können mich Erinnerungen trügen.

*

Weiterlesen …

Wer ist dieser Mann?

Als die Titanic am 10. April 1912 kurz nach 12 Uhr Mittags zu Ihrer Jungfernreise nach New York in See sticht, ahnt niemand, dass diese Reise Weltgeschichte schreiben wird – jedoch ganz anders, als wir heute zu wissen meinen. Eine Rolle spielt dabei indirekt dieser Mann: der Filmemacher William H. Harbeck.

Harbeck, der die Aufgabe hat, die Jungfernfahrt des größten Schiffs der Welt im Film festzuhalten, lernt an Bord  den vierjährigen Bill Sloman kennen, den Helden von „Schalttagskind“. Es ist eine Begegnung, die Folgen haben wird – zunächst nur für die beiden, nach und nach für die ganze Welt.

Da wäre sie fast gesunken…

Was wenige wissen: Die Titanic entging schon beim Auslaufen aus dem Hafen von Southampton nur knapp einer Katastrophe. Weil ihre enorme Wasserverdrängung in der engen Hafenausfahrt hohe Wellen schlug, riss sich ein am Kai liegender Dampfer aus seinen Verankerungstauen los und wäre um ein Haar mit dem Transatlantik-Liner auf Jungfernfahrt kollidiert. An Bord der Titanic war der vierjährige Bill Sloman von diesem dramatischen Vorfall allerdings eher fasziniert als schockiert, wie Sie der Leseprobe entnehmen können. Kinder haben einfach noch nicht gelernt, Angst zu haben …

Auf der Jagd nach Staatsfeind Nr. 1

Stellen Sie sich vor, Sie bekämen den Auftrag, als junger Kameramann in Hollywood einen Film zu drehen. Das Jahr ist 1934, und noch nie gab es einen Dokumentarfilm, der mehr als die Länge eines Wochenschaubeitrags gehabt hätte. Jetzt aber dürfen Sie genau das zum ersten Mal machen: eine Doku im abendfüllenden Feature-Film-Format!

Ihr Jubel bleibt Ihnen im Hals stecken, als Sie erfahren, von wem Ihr Dokumentarfilm handeln soll:

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Dieser Mann ist damals, neben Bonny und Clyde, der gefürchtetste Verbrecher der gesamten USA. Vom Vorläufer des FBI wird er als „Staatsfeind Nr. 1“ gesucht. Und der Kameramann, der dem flüchtigen Gangster auf die Spur kommen soll, ist niemand anderes als der 26-jährige Billy Sloman. Sein Boss, William Harbeck, ist jener Cinematograph, den er 22 Jahre zuvor an Bord der Titanic kennengelernt hat. Mittlerweile betreibt Harbeck ein drittklassiges Hollywood-Studio.

Um die Finanzen der heruntergewirtschafteten Filmgesellschaft durch einen sensationellen Coup zu retten, bleibt Billy nichts anderes übrig, als sich an die Fersen des Kriminellen zu heften. Der Ausgang dieser Jagd ist für alle überraschend (nicht zuletzt für Historiker).

So viel sei verraten: Für Billy Sloman hat diese Episode Konsequenzen, die noch 23 Jahre später (im nächsten Kapitel) sein Leben bestimmen. Sie heißen Polly und Audrey …

Das Geheimnis des Gemäldes

Dieses Bild von Velázquez hat den großen Maler Pablo Picasso zeitlebens fasziniert:

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Las Meninas (Diego Velázquez)

Picasso malte deshalb im Jahr 1957 seine eigene Interpretation der „Meninas“. Doch was trieb ihn dabei an? Welche Rätsel baute er in seine Nach-Schöpfung ein? Und was sind die geheimen Botschaften der Figuren, die Velázquez und er in den „Meninas“ auftreten lassen?

Im Roman ist Kameramann Bill Sloman dabei, als Picassos Nachschöpfung entsteht. Denn als Kameramann hat er mittlerweile bei dem TV-Network Karriere gemacht, das seit einigen Jahren zu Harbecks Filmstudio gehört, und dreht Dokumentarfilme über einige der berühmtesten Persönlichkeiten der Welt. Doch die Arbeit am Gemälde und am Film gipfelt in einem ebenso überraschenden wie tragischen Finale. Für Bill bedeutet es den Zusammenbruch der Welt, wie er sie gekannt hat.

Kleine Schwestern der „Titanic“

Was Schiffe angeht, spielt die Titanic eindeutig eine Hauptrolle in diesem Roman über ein ganzes Jahrhundert und mehr. Eine weibliche Hauptrolle, denn „sie“ ist weiblich – wie jedes Schiff. Warum das so ist, kann auch der Erzähler Billy Sloman zeitlebens nicht endgültig aufklären. Es muss etwas mit ihrem eigenwilligen Charme zu tun haben.

Doch die Titanic ist nicht die einzige Ozeanriesin, die in der einen oder anderen Epoche ins Bild kommt. Da wäre zum Beispiel noch diese Dame hier:

Die Cristoforo Colombo, ein eleganter italienischer Atlantik-Liner der Fünfzigerjahre. Billy und seine Familie nutzen sie 1957 zur Überfahrt von New York nach Cannes. Nie gehört von dem Schiff? Okay, aber von ihrem baugleichen Schwesterschiff haben Sie gehört: Die Andrea Doria sank am 26. Juli 1956 nach einer Kollision bei dichtem Nebel, es gab 46 Tote. Ein Glück, dass mein Romanerzähler und -held nicht dieses Schiff genommen hat …

Und dann gibt es da noch diese eiserne Lady mit ganz anderem Charakter:

Ganz richtig, ein Kriegsschiff. Schlimmer noch, ein sowjetisches! Jedenfalls bis 1970. Diese Kriegsbraut hat nämlich sozusagen wieder geheiratet. Vorher hieß sie Sprawiedlivij (ja, das ist unaussprechbar, aber stellen Sie sich den Namen erst in kyrillischen Schriftzeichen vor!). Ab 1970 hingegen war sie als Warszawa (Warschau) für die polnische Kriegsmarine unterwegs.

Bill Sloman war zu der Zeit ein weltweit tätiger Produzent und Kameramann für HiP TV in New York, und in Polen gab es einen Verteidigungsminister, der … halt, das wäre jetzt doch zu viel verraten.

Aber versprochen: Dies ist trotzdem kein Buch nur für Sammler von historischen Schiffsmodellen. Sondern für alle, die wissen wollen, ob man den Kurs der Weltgeschichte – und des eigenen Schicksals – nicht bisweilen korrigieren kann.

Die dunkle Seite der Macht

Auf alles Mögliche ist Billy Sloman vorbereitet, als er im Dezember 1970 aus den USA ins kommunistische Polen reist. Das Projekt: ein Filmporträt des undurchsichtigen Verteidigungsministers, General Wojciech Jaruzelski. Der Anfang ist vielversprechend: Als erster West-Journalist erhält Sloman Einblicke in den inneren Zirkel der militärischen Macht in einem Land des Ostblocks.

Doch während der Dreharbeiten brechen in Gdańsk (Danzig) und anderen Küstenstädten Polens blutige Unruhen aus: Arbeiter protestieren gegen drastische Preiserhöhungen, das Regime antwortet mit dem Einsatz von Armee und Miliz.

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Plötzlich steht der Minister als Befehlshaber der Truppen in einem ganz anderen Licht da: Lässt er polnische Soldaten auf ihre Landsleute schießen? Billy Sloman riskiert Freiheit und Leben, um die Hintergründe aufzudecken.

Eingeschmuggelt in die Danziger Leninwerft, ein Zentrum der Aufständischen, lernt er die Schiffsbau-Ingenieurin und Streikführerin Lidia kennen. Zwischen beiden entwickelt sich mehr als nur eine flüchtige Begegnung. Zu spät begreift Sloman, dass sie in einer ausweglosen Falle stecken.

Eines ist unausweichlich: Der Dezember 1970 wird in die polnischen Geschichtsbücher eingehen. Die Frage ist nur: wie – wenn ein Schalttagskind beteiligt ist.

Nicht jede Kursänderung verhindert eine Kollision

Am hier abgebildeten Kunstwerk müssen Sie jetzt vielleicht mal das eine oder andere Detail ignorieren. Es geht mir ausschließlich um den Herrn rechts: Pan, der griechische Hirtengott. Bitte beachten sie vor allem seine Hörner, das macht seine offensichtlichen Vorlieben vielleicht etwas weniger … speziell. Es kann ja niemand aus seiner Haut. Die Skulptur jedenfalls stammt aus der antiken Stadt Herculaneum, die zusammen mit Pompeji im Jahr 79 n.Chr. beim Ausbruch des Vesuv zerstört wurde – bis auf diese unkaputtbare Darstellung.

Pan

Foto: Marie-Lan Nguyen (2011)

In unserer Zeit wurde nach diesem triebhaften jungen Mann ein regelmäßig wiederkehrendes Objekt am Sternenhimmel benannt: der Asteroid (4450) Pan auf seiner Umlaufbahn um unsere Sonne. Astronomen haben halt eine Vorliebe für bizarre Praktiken die Namen mythologischer Figuren. Die Grafik zeigt den Asteroiden als türkisfarbenes Quadrat:

Pan

Dieser Pan, ein herrenloser Gesteinsbrocken von etwa 1,2 Kilometern Durchmesser, ist ein frecher Kerl: Er kreuzt auf seinem Kurs regelmäßig die Bahn unserer Erde – und kommt ihr bisweilen ziemlich nah.

Was das jetzt wieder alles mit Schalttagskind zu tun hat? Nun ja, vielleicht schauen Sie mal auf den Untertitel des Romans. Vor allem aber wurde Pan von einer berühmten amerikanischen Astronomin entdeckt. Und die hat eines Tages im Jahr 2001 einen wichtigen Grund, den Erzähler Bill Sloman zu kontaktieren. Denn der mittlerweile 93-jährige Bill ist inzwischen eine lebende Legende des Fernsehens.

Das live übertragene TV-Ereignis, das aus diesem Kontakt entsteht, wird Amerika nie vergessen. Und es wird für immer mit dem 11. September 2001 verbunden sein …

Und der Sinn von allem?

Da hat man nun ein so langes und bewegtes Leben gelebt wie der 104-jährige Billy Sloman – und was bleibt unter dem Strich? Wozu all dieses Auf und Ab, diese kleinen Triumphe, großen Lieben und krachenden Verluste?

Vielleicht hätte alles auch ganz anders kommen können. Aber vielleicht gab es einen Grund dafür, dass alles so war, wie es war.

Billy, das Schalttagskind, ist ein Glückskind. Denn am Ende begreift er mit Hilfe seiner geheimnisvollen Besucherin, welchem Muster die Geschichten seines Lebens folgten – und welche Rolle er selbst dabei spielte.

Und vermutlich ist das mehr, als die meisten von uns verstanden haben, wenn ihr Tag kommt.

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